02.12.2016

INDONESIEN: Erneut Großdemonstration gegen christlichen Gouverneur

 

Machtkampf in Indonesien bedroht Minderheiten - Religiöser Vielfalt droht das aus (Pressemitteilung)

In Indonesien drohen die Rechte ethnischer und religiöser Minderheiten im Machtkampf zwischen Reformern und nationalistischen sowie islamischen Hardlinern geopfert zu werden, warnt die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Denn der Streit um angebliche blasphemische Äußerungen eines christlichen Gouverneurs chinesischer Abstammung eskaliert immer mehr, Islamisten heizen die Stimmung an und Staatspräsident Joko Widodo gibt seine Neutralität in Glaubensfragen auf. „Anti-Reformer haben für den Machtkampf mit Widodo den unseligen Geist religiöser Intoleranz aus der Flasche gerufen, von dem wir fürchten, dass er außer Kontrolle gerät und nicht mehr verschwindet. Indonesiens religiöser und ethnischer Vielfalt droht das Aus“, erklärte der GfbV-Asienreferent Ulrich Delius am Freitag in Göttingen. „Leider kommt nun auch der Präsident bei seinen Bemühungen, den Konflikt zu entschärfen, den Demonstranten so sehr entgegen, dass religiöse Vielfalt in Indonesien kaum mehr spürbar ist.“

Für ihre dritte Demonstration gegen Gouverneur Basuki „Ahok“ Tjahaja Purnama haben Kritiker am heutigen Freitag in der Hauptstadt Jakarta mit rund 200.000 Menschen mehr als doppelt so viele Teilnehmer mobilisiert wie bei ihrem Protest Anfang November. Um eine gewaltsame Eskalation der heutigen Massendemonstration zu verhindern, hat sich Widodo den Demonstranten angeschlossen und zu einem Massengebet für die Einheit des Landes aufgerufen. „Seine Taktik, die Demonstranten zu umarmen und so zu beruhigen, ist höchst problematisch, weil der Staat seine Neutralität in Glaubensfragen aufgibt und sich als muslimischer Staat gebärdet“, erklärte Delius. „Indonesien ist jedoch offiziell ein säkularer Staat, in dem die Rechte religiöser Minderheiten geschützt und beachtet werden müssen.“

Der Menschenrechtler warnte: „Die Massendemonstration kommt einer Vorverurteilung gleich, so dass der Spielraum für die Justiz, in dem bevorstehenden Blasphemie-Verfahren unabhängig und unbeeinflusst zu entscheiden, immer geringer wird. Ahok muss sich schon glücklich schätzen, dass er noch nicht verhaftet wurde, sondern sich auf seinen unmittelbar bevorstehenden Prozess in Freiheit vorbereiten kann. Die Anfeindungen gegen ihn durch nationalistische und islamische Kreise haben so zugenommen, dass er seine politische Karriere wohl kaum fortsetzen kann, selbst wenn er freigesprochen werden sollte.“ Radikale Sunniten werfen ihm vor, bei einer Veranstaltung im September 2016 Witze über den Koran-Vers 51 gemacht haben. Der Vers scheibt vor, dass Muslime Nicht-Muslime nicht zu ihren Führern machen sollen.

Header Foto: State Dept./Erik A. Kurniawa via flickr