Augenzeugen berichten

Kulturrevulotion in Tibet

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 Wangdrak Rinpoche ist eine der letzten Gepchak-Gonpa-Nonnen, die die Schrecken der Kulturrevolution in

             Tibet miterlebt haben. Foto: C. D R & Wangdrak Rinpoche via Flickr

von Ann-Kristin Lohmann

 

Wer die tiefen Umwälzungen und das Grauen des Terrors während der Kulturrevolution in Tibet verstehen will, muss Augenzeugen sprechen lassen. Die Tibeterin Pema Thonden besuchte Tibet im Sommer 1979, 21 Jahre nach ihrer Flucht. Sie ahnte bereits vor dem Zusammentreffen mit ihrer Familie, das sich alles in ihrer Heimat grundlegend verändert hatte. Doch sie erkannte ihre Angehörigen und Freundinnen fast nicht wieder, weil sie so gealtert wirkten. Die meisten Menschen erschienen ihr zehn bis 20 Jahre älter als sie tatsächlich waren. „Für mich war es ein Schock zu sehen, wie die Jahre des Hungers, der Furcht und der Schwerstarbeit meine Familie zerstört hatten“, erklärte Pema Thonden in einem von der Gesellschaft für bedrohte Völker veröffentlichten Buch (Tibet, Traum oder Trauma?, Göttingen 1987, S. 126). Ihre Schulfreundinnen berichteten ihr, sie würden erst seit Kurzem wieder mit ihren Ehemännern zusammenleben, da diese 10 bis 20 Jahre in Gefängnissen eingesperrt waren. „Sie erzählten mir, dass sie viele Jahre lang keinen tibetischen Mann auf den Straßen gesehen hätten. Alle waren entweder getötet worden oder befanden sich in Gefängnissen und Zwangsarbeitslagern. Lhasa war eine Stadt von eingeschüchterten, hungernden Frauen.“ (Traum oder Trauma?, S. 127).

 

Einer ihrer Mitschüler war 1968 mit anderen Freunden im Alter von 15 bis 24 Jahren wegen angeblicher Widerstandstätigkeit verhaftet und verurteilt worden. Alle Familienangehörigen der Verurteilten wurden damals gezwungen, die öffentliche Hinrichtung der Jugendlichen mit anzusehen, berichtete die Schwester von Pemas Mitschüler.

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              Während der Kulturrevolution wurden tibetische Heiligtümer und religiöse Kultgegenstände rigoros zerstört.

                     So wurden etwa Buddha-Statuen entweiht, indem man ihre Gesichter entfernte.

           Foto: Andrea Cavallini  via Flickr

Chronischer Hunger

 

Das Leben der Tibeter wurde noch dadurch erschwert, dass ihre Bewegungsfreiheit bis 1978 systematisch von den Behörden eingeschränkt wurde. So konnten sich Pemas Mutter und Schwester, die in unterschiedlichen Stadtvierteln Lhasas lebten, jahrelang wegen der von den Behörden eingeschränkten Bewegungsfreiheit nicht besuchen. Aufgrund der Reisebeschränkungen waren auch kaum Nahrungsmittel in Lhasa zu finden. Es gab weder Gerste, noch Butter oder Fleisch, sodass die Hauptnahrungsmittel der Tibeter fehlten. Die Chinesen zwangen den Tibetern den Weizenanbau auf und ignorierten deren Erfahrung, dass in dieser Höhenlage auf den kargen Böden nur Gerste wächst. Die Tibeter ihrerseits konnten sich an dieses neue Nahrungsmittel nicht gewöhnen. Viele frühere Leibeigene, die von der Zerschlagung des alten Grundbesitzes nach der Machtergreifung der Kommunistischen Partei profitiert und erstmals etwas Land und Tiere bekommen hatten, mussten alles wieder abgeben. Noch schlimmer kam es für die Nomaden, die traditionell vom Tauschhandel der Produkte ihrer Schafe, Ziegen und Yaks lebten. Denn die Rotgardisten untersagten ihnen die Tauschgeschäfte und schlachteten fast alle ihrer Tiere. Wenn ein Nomade ein Tier ohne Genehmigung schlachtete, wurde er öffentlich gedemütigt und mit einem blutigen Tierschädel um den Hals durch die Kommune getrieben.

 

Als Pemas Tante ins Gefängnis kam, nahm ihre Mutter zusätzlich zu ihren beiden auch noch deren drei Kinder auf. Mit ihrem geringen Lohn als Straßenbauarbeiterin konnte sie aber alle fünf Kinder nicht ernähren. Sie litten so viel Hunger, dass sie sich nahe der Militärkasernen auf die Lauer legten, um zu warten, bis die Soldaten ihre Schweine gefüttert hatten. Dann stürzten sie sich die auf die Tröge, um dort den gröbsten Hunger zu stillen, sofern noch Schweinefutter übrig war. Begegneten sich Menschen auf der Straße, mussten sie vor Beginn ihrer Unterhaltung zunächst mehrere Zeilen aus der Mao-Bibel rezitieren. Wer länger als zwei Minuten in der Öffentlichkeit miteinander sprach, machte sich in den Augen der Sicherheitskräfte verdächtig.

Kampfsitzungen machten das Leben zur Hölle

 

Bereits wenige Jahre vor der Kulturrevolution waren alle Tibeter nach ihrer „Klassenzugehörigkeit“ eingeteilt worden. Wer Künstler, Schriftsteller, Kaufmann, Lama, Grundbesitzer war oder früher für die tibetische Regierung gearbeitet hatte, wurde als Angehöriger der „schwarzen Klasse“ bezeichnet und somit in die am wenigsten geachtete Bevölkerungsgruppe innerhalb des kommunistischen Systems eingestuft. Fast 20 Jahre lang mussten Kinder aus diesen Familien im Straßenbau Zwangsarbeit leisten. Auch Pemas Bruder, Schwester und andere Verwandte wurden Zwangsarbeiter. Sie mussten etwa einen künstlichen See vor dem Potala-Palast in Lhasa anlegen, der von den Bewohnern der Stadt noch heute als Mahnmal für das Leiden der Kinder angesehen wird.

 

Am schlimmsten war jedoch in den Augen ihrer Freunde die bis 1978 allabendlich durchgeführte Kampfsitzung, der „Thamzing“. Sie fand stets nach dem Ende der Arbeit statt und dauerte meist bis Mitternacht. „Während des Thamzing wurden die Menschen gezwungen, sich gegenseitig zu kritisieren und zu schlagen. Wer sich weigerte, wurde selbst geschlagen. Nachbarn gegen Nachbarn, Schüler gegen Lehrer, Kinder gegen Eltern, Bedienstete gegen Dienstherren, Pächter gegen Grundbesitzer. Wenn du an der Reihe warst, Kritik an jemandem zu üben, musstest du dieser Person ins Gesicht spucken und sie mit aller Kraft treten oder schlagen, selbst wenn es deine Mutter oder dein Vater war. Andernfalls drohte dir, weil du es nicht mit, genügendem Ernst‘ tatest, gleichem ausgesetzt zu werden. Der 13-jährige Sohn meiner Freundin musste seinen Vater denunzieren und schlagen. Er musste sagen: ,Mein Vater war früher ein schlechter Vater. Nun kann ich es ihm heimzahlen und ihn in der Öffentlichkeit schlagen.‘ Wenn je eine perfekte Methode ersonnen wurde, um die Seele eines Volkes zu zerstören, dann müssen es diese Versammlungen sein“, erklärte Pema (S. 129/130). Der Thamzing hatte auch gesundheitliche Folgen. So verloren viele Tibeter aufgrund der allabendlichen Misshandlungen und Schläge auf Augen und Ohren ihr Augenlicht oder Gehör.

Ende des Jahres 1966 war fast jedes Dorf in Tibet kollektiviert. Das gesamte Land und alles, was sich darauf befand, gingen in den Gemeinbesitz der Produktionsgruppe über, die jeweils aus rund 100 Familien bestand. Niemand durfte die Kommune ohne Genehmigung verlassen. Die ehemalige Leibeigene Döndrup Tschödön erinnert sich, wie in ihre Kommune zwei chinesische und sechs tibetische Beamte kamen und 30 Jugendliche aus der untersten sozialen Klasse auswählten, um sie zu Rotgardisten zu ernennen (Dhondub Chodon: Life in the Red Flag People’s Commune, S. 64). Sie wurden angewiesen, gegen die vier alten „Übel“ (alte Kultur, Ideen, Sitten und Gebräuche) „unbarmherzig, zornig und fanatisch“ vorzugehen. Insbesondere sollten sie alle Menschen anzeigen, auch ihre eigenen Eltern, die ihren Kampf behinderten. So begannen sie, alte Schreine zu zerstören und Gebetsfahnen herunterzureißen. Auch beschlagnahmten sie alle religiösen Gegenstände und Gebetsschnüre. Unter Musik und Trommelwirbel sowie dem Schwenken von roten Fahnen verbrannten sie die heiligen Schriften und verkauften heilige Statuen in Antiquitätengeschäften. Alle religiösen Bilder und Denkmäler in der Umgebung ihrer Kommune vernichteten sie. „Die Tibeter taten es! Die Chinesen standen bloß herum und gaben die Befehle“, erinnert sich ein alter Tibeter (Mary Craig: Tränen über Tibet. München 1994, S. 163).

 

Es war keine blinde Zerstörungswut, sondern die Vernichtung der Kulturdenkmäler war sorgsam geplant und gut organisiert. So kamen zunächst Rotgardisten, die Gold, Silber und andere Edelmetalle aus den Kulturstätten entfernten, um sie in Taiwan oder Hongkong an Antiquitätenhändler zu verkaufen oder in China einzuschmelzen“, berichtete die tibetische Augenzeugin Dölma Tschösom (Tränen über Tibet, S. 163).“ Den Leuten wurde dann befohlen, die Bildwerke aus Stein oder Ton zu entfernen und in den Fluss oder auf den Boden zu werfen. Einige meiner Nachbarn weigerten sich, das zu tun, und wurden zu Tode gefoltert“, erklärte Dölma. Viele Klöster wurden bis auf den letzten Stein abgetragen. Da Brennstoff in Lhasa knapp war, wurde alles, was man verbrennen konnte, auf Lastwagen in die tibetische Hauptstadt gebracht: Bücher, Altäre, Fensterrahmen wurden als Brennmaterial verteilt. Fein geschnitzte Einbände religiöser Bücher wurden fortan als Waschbretter benutzt. Wer dabei ertappt wurde, wie er alte Gegenstände zu schützen und zu bewahren versuchte, galt als „Feind im Innern“ und wurde mit einem Schandhut auf dem Kopf durch die Stadt getrieben. Eine Tibeterin berichtete, ihr ganzes Dorf sei gezwungen worden, alle Gebetsmühlen gemeinsam in den Fluss zu werfen.

Ausgrenzung von „Klassenfeinden“

 

Unter Peitschenhieben wurden Lamas und frühere hohe Regierungsbeamte durch die Straßen der Stadt getrieben und gezwungen, an der Vernichtung von Kulturgütern und religiösen Gegenständen mitzuwirken. Nonnen und Mönche wurden zum öffentlichen Geschlechtsverkehr gezwungen, berichtet der Mönch Tschömpel Sonam (Tibet under Chinese Communist Rule. A Compilation of Refugee Statements. 1958-1975. Dharamsala). Andere buddhistische Geistliche begingen Selbstmord, weil sie gezwungen wurden zu heiraten.

 

Kulturrevolution im Gefängnis

 

Die Kampagne gegen die „vier alten Übel“ machte selbst vor den Gefängnistoren nicht Halt, berichtete der Mönch Palden Gyatso. Er war 33 Jahre lang als politischer Gefangener inhaftiert, auch während der Kulturrevolution. Im Sommer 1966 wurden die Häftlinge zu politischen Versammlungen einberufen, um sie zum Kampf gegen das „Alte“ zu mobilisieren. Die Gefangenen häuften daraufhin im Innenhof Kleidung, Schuhe, Decken und Bücher auf und steckten sie in Brand, um das „Alte“ zu vernichten. Ein Gefangener musste nach der Kontrolle seines Spindes durch einen Wächter seine darin aufbewahrten Schuhe verbrennen, weil sie von indischen „Expansionisten“ stammten (Palden Gyatso: Ich, Palden Gyatso, Mönch aus Tibet. Bergisch Gladbach 1998). Alle rotbraunen oder gelben Gegenstände mussten verbrannt werden, da diese Farben symbolisch für das Religiöse standen.

 

Als Mönch galt Palden Gyatso im Gefängnis als „Schwarzer“ und „Reaktionär“ und wurde besonders häufig Opfer willkürlicher von den Aufsehern angezettelter Prügeleien. Während der Kulturrevolution wurde er rund 30 bis 40 Mal im Gefängnis gezielt zusammengeschlagen. Einmal wurde er 13 Abende hintereinander öffentlich kritisiert, geschlagen und getreten, weil er sich weigerte, seine „Schuld“ einzugestehen. Der mit ihm inhaftierte Mönch Mei Matok hielt die ständige Gewalt und Demütigung nicht aus und beging Selbstmord. In böser Erinnerung hat Palden Gyatso die obligatorischen Kampfsitzungen: „Ende 1967 ging es in den Versammlungen nur noch um kleinlichste Vorwürfe und um Geständnisse trivialster Verfehlungen. Die Strafen waren jedoch so grausam und brutal wie eh und je. Sogar unsere Sitzweise wurde kritisiert. Saßen wir im Lotossitz, einer Haltung, die den meditierenden Buddha nachahmt, wurden wir umgehend beschuldigt, dem Buddha feudale Ehrerbietung zu erweisen. Man zwang uns, wie Soldaten der Volksbefreiungsarmee auf dem Boden zu hocken. Ich fand das sehr unbequem, und ich bin sicher, den anderen tibetischen Gefangenen erging es ähnlich. Diese Stellung war für uns ungewohnt und unsere schwachen Beine begannen zu zittern. Nach wenigen Minuten musste ich aufstehen und so tun, als würde ich etwas holen“ (Ich, Palden Gyatso, S. 189). Palden Gyatso beschreibt, wie ein ehemaliger Schreiber des Dalai Lama bei einem Thamzing zu Tode geprügelt wurde.

 

Palden Gyatso wurde immer häufiger im Gefängnis drangsaliert. 1970 musste er mit anderen Gefangenen an einer Hinrichtung von Inhaftierten teilnehmen – ein traumatisches Erlebnis für den Mönch. In der Haft begegnete er auch ehemaligen Gefängnisdirektoren, die in Ungnade gefallen waren und nun wegen vermeintlicher Verfehlungen zu Mitgefangenen geworden waren. Palden Gyatsos Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend, sodass er 1970 schließlich nach zehnjähriger Haft in ein Krankenhaus verlegt wurde. Anfang 1971 musste er ins Gefängnis zurückkehren und weiter Zwangsarbeit im Steinbruch leisten. Auch nach Ablauf seiner 15-jährigen Haftstrafe im Jahr 1975 musste er weiter im Gefängnis bleiben und kam erst im August 1992 frei.

 

[Zur Autorin]

Ann-Kristin Lohmann studiert Politikwissenschaft und Kulturanthropologie in Göttingen. Von Februar bis April 2016 absolvierte sie ein Praktikum in der Online-Redaktion der Gesellschaft für bedrohte Völker.

 

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