Verfolgte Religion: Die vermeintlichen Teufelsanbeter

Yeziden flüchten vor dem IS-Terror. Sie glauben, dass sie nur von Adam abstammen, ihr Glaube ist uralt, umfasst Seelenwanderung und einen Pfauen-Engel.


Bei Karl May lernt man sie als „Teufelsanbeter“ kennen, und als solche werden die Yeziden auch von der Terrorgruppe Islamischer Staat gesehen, die derzeit im Nordirak in deren Hauptsiedlungsgebiet vordringen. Durch die Massenflucht der Yeziden interessiert sich plötzlich die Weltöffentlichkeit für diese fast unbekannte Religionsgemeinschaft, und fragt: Wer um Himmels willen sind die Yeziden?

In Büchern über dunkle Magie sind sie beliebt, etwa bei Aleister Crowley. Aber dass sie nicht wirklich Teufelsanbeter sind, weiß schon Karl Mays Held Kara Ben Nemsi. In den ersten zwei Bänden von Mays Orientzyklus nimmt er sie gegen seinen Begleiter Hadschi Halef Omar in Schutz. Ausführlich werden sie dort als unterdrückte Minderheit geschildert. Die Yeziden sind Kurden, früher stellte man ihren Glauben als Abspaltung vom Islam oder von der „iranischen“ Religion dar, heute betont man ihre Eigenständigkeit. In ihrem monotheistischen Glauben verschmelzen Elemente aller möglichen nahöstlichen Religionen, Zoroastrismus, Mithras-Kult, Christliches, Manichäisches, Gnostisches, Sternkult der Sabier, Islam, …

 

Ein gefallener, aber guter Engel

Dass sie so oft mit dem Teufel in Zusammenhang gebracht wurden, liegt nicht nur an der Unwissenheit ihrer muslimischen Umgebung, sondern auch daran, dass sie einen gefallenen Engel verehren. Dieser ähnelt aber nur oberflächlich dem Teufel. Melek Taus ist bei den Yeziden der wichtigste von sieben Engeln Gottes. Gott schuf aus sich selbst eine Perle, der Engel Melek Taus schuf aus der Perle die Welt und auch Adam und Eva. Als stolzer Rebell musste er aber einst 40.000 Jahre in der Hölle büßen, bis seine Tränen alles Feuer löschten. Jetzt ist er wieder mit Gott versöhnt und vermittelt zwischen ihm und den Menschen. Melek Taus wird als Pfau dargestellt, aber viele Bilder könnten auch einen Hahn meinen (Karl May nennt den Engel „König Pfauhahn“); eine Verbindung zum hahnenköpfigen Weltengott Abraxas in der Gnosis?

 

Zum „teuflischen“ Ruf dieses Oberengels trägt auch bei, dass er sich geweigert habe, vor Adam niederzuknien. Das tut auch der islamische Teufel Iblis im Koran. Allerdings handelt Iblis aus Vermessenheit, Melek Taus dagegen zum Wohlgefallen Gottes, weil er nur Gott als Allmächtigen verehrt.

 

Insgesamt kennen die Yeziden „sieben Mysterien“, die über die Welt wachen, außer Melek Taus gehören noch sechs „heilige Männer“ dazu. Der wichtigste dieser Männer gilt als eine Inkarnation von Melek Taus. Es ist Scheich Adi Bin Musafiz, ein islamischer Mystiker des zwölften Jahrhunderts aus Bagdad – und kurioserweise ein durchaus orthodoxer Sunnit. Er gründete einen der ersten Sufi-Orden. Unter einem Nachfolger von ihm entwickelte sich dieser Orden bei den Kurden aber auf spezielle Weise, die synkretistischen religiösen Vorstellungen der als Yazidiya bekannten Kurdenbewegung flossen ein, der Ordensgründer wurde immer mehr verehrt: Die Yeziden als selbstständige Religionsgemeinschaft waren geboren.

 

Das Grabmal von Scheich Adi liegt in Lalish im Nordirak, in einer Höhle, wo auch „Zemzem“, das heilige Wasser des Lebens entspringt. Als Altar steht dort ein schwarzer Monolith, eine eingemeißelte schwarze Schlange, die an die ägyptische Schwellengöttin Nephtys erinnert, hütet den Zugang zum Jenseits. Auf einem goldenen Thron lässt sich dort ab und zu Melek Taus persönlich nieder und teilt den Eingeweihten (die Yeziden sind hierarchisch in drei Kasten gegliedert) Geheimnisse mit.

 

Das Böse ist nur im Menschen

Im Nordirak leben heute auch mehr Yeziden als in jeder anderen Weltgegend. Viele sind aber vor Verfolgung u.a. aus der Türkei auch nach Europa geflüchtet, allen voran nach Deutschland. Sie selbst praktizieren eine tolerante, friedliche und nicht missionierende Religion. Eine böse Wesenheit wie den Teufel kann es in ihrem Glauben gar nicht geben, das wäre eine Schwäche Gottes. Das Böse ist ihnen zufolge nur im Menschen selbst, dessen moralische Verantwortung sie betonen. Sie glauben an die Seelenwanderung, wer Schlechtes getan hat, wird wiedergeboren und kann sich erneut bemühen. Das erinnert an den Buddhismus, aber die Geläuterten erreichen nicht das Nirvana, sondern kommen zu Gott. Hilfe bei dieser Seelenwanderung bekommen sie von ihrem „Jenseitsbruder“ oder ihrer „Jenseitsschwester“, einem wahlverwandten Menschen, den man sich zu Lebzeiten aussucht.

 

Rund 800.000 Yeziden gibt es heute, es werden immer weniger. Yeziden glauben, dass sie im Unterschied zu anderen Menschen nur von Adam abstammen, aus einem seiner Schweißtropfen; als Yezide wird man geboren, man ist es nur, wenn beide Eltern Yeziden sind. Sobald Yeziden Nichtyeziden heiraten, bedeutet das den Austritt aus der Religionsgemeinschaft. Das bedeutet auch: Früher oder später werden sie untergehen.