Wer sind die Aleviten?

FÖDERATION DER ALEVITEN GEMEINDEN IN ÖSTERREICH E.V.

GESENDET VON FATMA BULUT


Das Alevitentum formte sich zuerst in Anatolien im 13. und 14. Jahrhundert. In der Türkei ist das Alevitentum auch heute dank der fortgesetzten Überlieferungen, insbesondere durch die Glaubensältesten und durch die alevitischen Dichter und Saz-Spieler (eine Art Barden) als Glaube und Kultur mit seinen sozialen Normen und Werten lebendig. Daher spielt die Musik bei den Aleviten eine große Rolle. Anschuldigungen seitens der Sunniten, dass die Aleviten den Schwiegersohn des Mohammeds und 4. Kalifen, den sie besonders verehren (der Name Ali ist im Alevi beinhaltet) als Gott betrachten und dass in ihren Gemeinden Inzest betrieben wird, weil sie ihre Rituale - im Gegensatz zu den Sunniten - gemeinsam mit den Frauen und Kindern feiern, stammen aus osmanischer Zeit und wurden damals zum Zweck der Unterdrückung des Alevitentums verbreitet. Bis heute sind derartige Beschuldigungen und Vorurteile unter fanatischen Sunniten gegenwärtig. Das Vorhandensein der 20 Millionen Aleviten wird offiziell geleugnet. Staatliche Stellen "übersehen" sie und bemühen sich, die Bevölkerung der Türkei als durchgängig sunnitisch darzustellen. Die staatliche kontrollierten Medien behandeln das Thema Alevitentum nicht. Obwohl Christen und Juden in der Türkei offiziell als religiöse Minderheiten anerkannt sind, ihre eigene Gebetsstätten haben, wird das Alevitentum als Sekte abgestuft und fällt somit unter das in der Türkei geltende Verbot für Sekten. Aus diesem Grunde existiert bis heute keine offizielle Institution, die den Glauben in der Türkei vertritt und fördert. Die Haci-Bektas-Veli-Stätte gilt in der Türkei als die einzige vom Statt geduldete Institution der Aleviten.

 

Die Aleviten unterstützten den Laizismus und die Demokratie. Die alevitische Bevölkerungsgruppe war eine der tragenden Kräfte bei der Gründung der türkischen Republik, weil sie sich insbesondere durch die Abschaffung der sunnitischen Rechtsordnung und die Einführung des Laizismus mit der Trennung von staatlichen und religiösen Angelegenheiten eine Gleichberechtigung mit der sunnitischen Glaubensrichtung erhoffte. Auch heute noch betrachten die Aleviten die laizistische Staatsform als Grundlagen ihrer Existenz.

 

Aleviten in der Türkei sind nicht zu verwechseln mit den Schiiten im Iran.

Wegen des gemeinsamen Ursprungs der Spaltung des Islam nach Mohammeds Tod werden die Aleviten formal den Schiiten zugerechnet und aus diesem Grund fälschlicherweise oft mit ihnen g1eichgesetzt. Völlig verschiedene geschichtliche und religiöse Bedingungen in der Türkei und im Iran bewirkten, dass sich diese Gruppen sehr unterschiedlich entwickelten.

So gibt es heute bedeutsame Unterschiede im Verhältnis zu Gewalt und der Stellung der Frau: Die Aleviten lehnen Gewalt grundsätzlich ab, in ihren Gemeinden sind die Frauen den Männern gleichgestellt.

 

Im schulischen Religions- und Ethikunterricht wird die alevitische Lehre nicht vermittelt.

Seitdem in der Türkei der Religions- und Ethikunterricht in den Schulen infolge der neuen Verfassung von 1982 zum Pflichtfach geworden ist, sind die Kinder aus alevitischen Familien verpflichtet, an einem Religionsunterricht teilzunehmen, in dem nicht ihre eigene, sondern die sunnitische Glaubensrichtung gelehrt wird. Auch in den Schulen werden die Vorurteile über Aleviten verbreitet. Durch eine solche Unterrichtung, die der familiären religiösen Erziehung zuwiderläuft, werden bei den jungen Menschen Gewissens- und Familienkonflikte hervorgerufen. Darüber hinaus wird das freundschaftliche Miteinander der Schüler aus alevitischen und sunnitischen Familien zerstört und damit immer wieder die Zwiespalt zwischen Religionsgemeinschaften gefördert.

 

Das Amt für religiöse Angelegenheiten in der Türkei bestimmt die finanzielle Förderung der moslemischen Gemeinden und gestaltet den Religionsunterricht an den Schulen mit. Das diesem Amt zur Verfügung stehende Budget wird ausschließlich zur sunnitischen Lehre und zum Bau von sunnitischen Moscheen verwendet. Dabei beansprucht dieses Amt, den gesamten Islam zu vertreten. Seit Anfang der achtziger Jahre entsendet das Amt für religiöse Angelegenheiten sunnitische Geistliche zum Zwecke der Missionierung auch in alevitische Dörfer, baut dort verstärkt sunnitische Moscheen und setzt damit die dortige Aleviten und ihre Geistlichen unter erheblichen Druck.

 

So wie alle anderen Religionen dieser Welt, beinhaltet auch der Islam verschiedene Konfessionen. Der westlichen Welt sind nur die Schiiten (z. B. im Iran) oder die Sunniten (z. B. in Saudi-Arabien) bekannt. Aber außer diesen beiden gibt es noch viele verschiedene Konfessionen, die je nach Ländern unterschiedlich stark vorkommen.

 

Dazu gehören auch die Aleviten, die nicht nur in der Türkei, sondern auch in den Balkan-Ländern und in einigen arabischen Staaten leben. Rund ein Drittel der in Türkei lebenden 66 Millionen Menschen gehören dieser Konfession an. Natürlich gibt es auch Christen, Juden, Yeziden und Andersgläubige, die jedoch nur ca. 2% ausmachen.

 

Die Aleviten konnten aufgrund ihrer "Minderheitenrolle" bis heute weder ihre 1400-jährige Kultur und Religion frei ausüben noch damit in die Öffentlichkeit treten. Sogar heute noch darf in der Türkei kein Verein und keine Kultureinrichtung unter einem 'alevitischen' Namen eröffnet werden, weiterhin wird die alevitische Konfession offiziell nicht anerkannt. Dagegen wird aber die sunnitische Konfession durch den Staat mit Hilfe von staatlichen Finanzmitteln (Steuereinnahmen) und dem 'Amt für religiöse Angelegenheiten' (Diyanet Isleri) stark gefördert.

 

Zukunftsperspektive und Forderungen der Aleviten an die Türkei und an die Europäische Union

Aleviten sind nach jahrzehntelangem Aufenthalt in Österreich ansässig geworden. Sie sind dabei, ihren Glauben wiederzubeleben, durch den Unterricht mit alevitischen Glaubensinhalten. Sie sind angewiesen, den bisher weitgehend mündlich überlieferten Glaubensinhalt durch moderne pädagogische Methoden aufzuarbeiten. Die alevitischen Gemeinden sind bestrebt, ihre eigenen Gebetsstätten zu errichten.

 

Die Aleviten in Österreich bilden im Bezug auf die Religionskultur eine weitgehend homogene Gruppe, die neben den Gemeinsamkeiten mit anderen gesellschaftlichen Gruppen eigene Glaubens- und Verhaltensmuster hat. Sie verstehen sich als eine religiös-kulturelle Gruppe, die im islamischen Kulturraum einen eigenständigen Glaubensinhalt entwickelt.

 

Es gibt in alevitischen Gemeinden einen Konsens darüber, dass die verfassungsrechtlichen Grundwerte, wie z.B. die absolute Unantastbarkeit der Menschenwürde, Gleichberechtigung von Mann und Frau, religiös-weltschauliche Neutralität des Staates, Meinungs- und Glaubensfreiheit, unveränderbar und zu verteidigen sind.

 

Aleviten werden von gesellschaftspolitischen Ereignissen und Entscheidungen in der Türkei stark beeinflusst. Aus diesem Grund stellen sie auch religionspolitische Forderungen an die türkische Regierung:

  • Das Alevitentum muss gesetzlich und verfassungrechtlich anerkannt werden. Die Rechte der Glaubens- und Volksminderheiten müssen unter Verfassungsschutz gestellt werden.
  • Das Haci Bektas Kloster (Dergah) soll nicht mehr als Museum verwendet werden. Es muss möglichst schnell den Aleviten übergeben werden.
  • Das Amt für das Religionswesen (Diyanet Isleri Baskanligi) in der Türkei muss abgeschafft werden; ein vollkommen säkularen Staat muss verwirklicht werden.
  • Der Staat muss garantieren, dass die religiösen Institutionen frei gebildet werden können.
  • Jede religiöse Institutionen muss von den Menschen finanziert werden, die sie gründen und betreiben.
  • Gegen die Aleviten gerichtete schriftliche und visuelle Verleumdungen, falsche Behauptungen, unwahre Beschmutzung, Anschwärzen u.ä. müssen unterbunden und diejenigen bestraft werden, die solche Klatschgeschichten erfinden und verbreiten.
  • Die heiligen Tage der Aleviten wie Muharrem Fasten, Asure müssen der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden und wie andere religiöse (Feier-)Tage auch diesen offiziellen Status zuerkannt bekommen.

In den letzten 40 Jahren sind Millionen Menschen nach Österreich und in die anderen europäischen Länder ausgewandert und dort ansässig geworden.

 

Die Aleviten, die etwa 60.000 Personen der in Österreich lebenden Bevölkerung aus der Türkei ausmachen, fühlen sich verpflichtet, die Öffentlichkeit sowie andere Migrantinnen und Migranten in Österreich über ihre Situation und ihre Probleme zu informieren und einen Beitrag zur multikulturellen bzw. multireligiösen Gesellschaft zu leisten.

 

Wie es aus den Satzungen der einzelnen Gemeinden und der Dachorganisation Föderation der Aleviten-Gemeinden in Österreich e. V. hervorgeht, ist das Hauptziel, die alevitische Kultur zu erhalten und pflegen. Wir setzen uns für Menschenrechte, Glaubensfreiheit und Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Wir unterstützen alevitische Eltern, ihren Kindern die alevitische Lehre und Kultur zu vermitteln. Wir bieten in unseren Vereinen Gruppenangebote an: z.B. Mädchengruppen, Ältere Migrantinnen und Migranten, kulturelle Veranstaltungen, Jugendgruppen, Kulturgruppen sowie Cem-Gebete. Unsere Aktivitäten werden weitgehend ehrenamtlich durchgeführt.

 

Aleviten stellen fest, dass die Emigranten in den Einwanderungsländern nicht willkommen geheißen werden und ihnen besonders in Österreich viele Grund- und Menschenrechte einschließlich des aktiven und passiven Wahlrechts vorenthalten werden. Für den inneren Frieden der Gesellschaft ist es unbedingt notwendig, dass die gegen Emigranten gerichteten Gesetze abgeschafft werden, die unterschiedliche und ungerechte Behandlung zulassen. Die schützenden Gesetze, die gegenüber Emigranten ungerechte Behandlungen und rassistische Angriffe erleichtern, müssen geändert werden.

 

Grundlagen des alevitischen Glaubens Das Alevitentum ist ein lebensphilosophisch zu betrachtendes Glaubenssystem.

 

Ein Alevit:

  • trägt die Heiligkeit von Allah (Gott), Mohammed, Ali (Schwiegersohn von Mohammed) in seinem Herzen,
  • ist Alis Gerechtigkeit absolut treu (Er verstößt niemals gegen Alis Gerechtigkeitssinn),
  • beherbergt in seinem Herzen die Menschenliebe,
  • achtet und toleriert jede Religion, Konfession, Glaubensrichtung,
  • macht keine diskriminierenden Unterschiede wegen Sprache, Religion, Rasse, Farbe,
  • stiehlt nicht, lügt nicht, geht nicht fremd (Er zügelt seine Hände, seine Zunge, seinen Geschlechtstrieb),
  • ist aufrichtig, freundlich, barmherzig, gerecht, liebevoll,
  • legt sehr großen Wert auf Wissen (Wissenschaft),
  • strebt die Vollkommenheit an,
  • wendet sich angstfrei und mit Liebe dem Gott hin,
  • sieht den Gott und die Menschen als ein Einheit an.

 

Im Alevitentum:

  • finden alle gläubigen Menschen, die dorthin kommen, seelsorgliche Aufnahme und Beistand,
  • werden Prinzipien wie Gleichheit, Gleichberechtigung, Anteilnahme verteidigt, die es ermöglichen, dass die Menschen in der Gesellschaft freiwillig sich selbst beherrschen können,
  • gibt es keinen Platz für das fanatische Schariatsrecht, welches auch strikt abgelehnt wird,
  • wird der Islam anders interpretiert als im Sunnitentum (die alevitische Auslegung des Islams unterscheidet sich wesentlich von der des Sunnitentums, in denen starre fanatische Religionsgesetze herrschen.),
  • haben die Werte wie Ethik, Anstand fundamentale Bedeutung,
  • wird der Mensch als höchst erhaben betrachtet,
  • ist das Wissen (Bildung) genau so wichtig und wertvoll wie die göttliche Kraft,
  • wird die Religion nicht formal (starre unveränderliche Gesetze u. Vorschriften) angesehen, sondern als Glaube wahrgenommen; sie wird als Willenskraft und tieferer innerer Sinn evolutioniert; in der Synthese der Vernunft und des Glaubens wird die Religion vereinheitlicht,
  • werden alle aufgezählte Werte und Tugenden durch Kirklar cemi (Gebet der 40 Heiligen) inspiriert.

Das Alevitentum unterscheidet sich vom Bektaschi-Orden kaum. Das Alevitentum umfasst den Bektaschi-Orden und andere Menschen mit gleichen Glaubensgrundlagen. Der Bektaschi-Orden ist eine der Richtungen im Alevitentum. Der Sufismus ist auch Teil des Alevitentums. Alevitische Gemeinden versuchen bei ihren Aktivitäten eine Atmosphäre zu schaffen, in der die jüngeren und älteren Generationen in gegenseitiger Achtung und Liebe voneinander lernen können. Sie glauben an die Notwendigkeit, dass die Älteren mit Geduld und Toleranz die Kultur und den Glauben den Jüngeren weitergeben, damit das Alevitentum erhalten bleibt.

 

Trotz kultureller und historischer Verbindungen zum Sunnitentum und auch zum Schiitentum im Iran sind die Unterschiede zwischen ihnen und der alevitischen Lehre ganz offensichtlich. Die wesentlichen Glaubensaussagen wurden den Aleviten mündlich überliefert, vor allem durch die Dedes (Priester), z. T. in religiösen Gesängen, oder schriftlich in den Buyruklar (Geboten) und Gedichten.

 

Viele Aleviten sind davon überzeugt, dass Gott einen heiligen Koran an Mohammed offenbart hat, aber sie sind auch gleichzeitig davon überzeugt, dass dieser Koran nicht mehr mit dem ursprünglichen Inhalt existiert; er wurde ihrer Meinung nach durch den Kalifen Osman vernichtet und durch den heute bei den orthodoxen Muslimen vorhandenen Koran ersetzt, der daher nicht mehr Gottes Offenbarung ist. Der ursprüngliche Koran ist nur dem heiligen Ali erhalten geblieben. Ali entsprach in all seinen Reden und Handeln in vollkommener Weise dem Willen Gottes; Alis Leben und Tun haben für die Entwicklung und Entstehung der alevitischen Lehre als Grundlagen gedient.

 

Glaubensbekenntnis (kelime-i sehadet): Von den fünf für sunnitische Muslime geltenden religiösen Grundpflichten (Glaubensbekenntnis, Gebet fünfmal am Tag, Fasten im Monat Ramadan, Almosen und Pilgerreise nach Mekka) gilt für die Aleviten nur das Glaubenskenntnis (kelime-i sehadet). Um die besondere Stellung von Hz. Ali auszudrücken, fügen Aleviten ihm jedoch einen Zusatz an.

 

Einige Sprüche von Haci Bektas Veli:

  •  Betet nicht mit den Knien, sondern mit dem Herzen.
  •  Das wichtigste Buch zum Lesen ist der Mensch.
  •  Glücklich ist, wer die Gedankenfinsternis erhellt.
  •  Was du suchst, suche es in Dir selbst.